Man lernt sich abends auf der Piste kennen, der Abend endet mit Sex, am Morgen
trennen sich die Wege - so ein One -Night -Stand kommt vor. Auch bei Kamiar M.
lief es zunächst so ab. Auf einem Stadtteilfest lernte er eine blonde 34-Jährige
kennen. Hand in Hand zogen sie später ab. Am nächsten Abend wird Kamiar M. während
seines Dienstes auf der Wache verhaftet. Vorwurf: Vergewaltigung.
"Ich bin aus allen Wolken gefallen. Erst dachte ich an einen Scherz",
sagt er. Neun Tage sitzt der Polizeimeister in Untersuchungshaft. Der
Haftrichter hatte erst Verdunklungs-, dann Fluchtgefahr gesehen. Weil der
deutsche Staatsbürger Kamiar M. im Iran geboren wurde. Der junge Mann fühlt
sich ohnmächtig. "Allein der Vorwurf schmerzt. Aber ich wusste, dass ich
es nicht getan hatte", sagt er. Er wird vom Dienst suspendiert. Freunde,
Familie und Kollegen glauben ihm.
Die sechs Monate bis zum Prozessbeginn sind lang und quälend. "Diese Zeit
war eine ganz schöne Belastung", sagt er. Vor Gericht lässt er seinen
Anwalt für sich reden. Das angebliche Opfer schildert den Richterinnen eine
zweieinhalbstündige Vergewaltigung. Die zweifache Mutter verheddert sich in
Widersprüchen.
Kamiar M. zerrte sie vom Bürgersteig aus in seine Wohnung, behauptet sie - doch
sie rief nicht um Hilfe. Auch dass sie von dort nicht flüchtete, als Kamiar M.
auf der Toilette war, kam den Richterinnen merkwürdig vor. Kamiar M. schießen
Tränen in die Augen, als sie seinen Freispruch verkünden. Der Staatsanwalt
wollte ihn für vier Jahre ins Gefängnis stecken.
Warum die folgenreiche Beschuldigung? "Möglich, dass sie Angst hatte, dass
ihr Freund von der Sache erfahren könnte", so die Vorsitzende Richterin.
Nach der angeblichen Tat soll die Frau einer Nachbarin gesagt haben: "Ich
glaube, ich bin vergewaltigt worden." Die schleppte sie zur Polizei. Dort
soll sie gesagt haben: "Wenn ich sage, dass alles freiwillig war, kann ich
dann gehen?" Die Richterin: "Es wurde ein Rad in Bewegung gesetzt,
dass nicht mehr gestoppt werden konnte."
Die Ex-Freundin des beschuldigten Polizisten hatte die Anklage ins Wanken
gebracht. Sie hatte ausgesagt, sie habe die beiden "turtelnd ins Haus gehen
sehen". Der Staatsanwalt glaubte ihr nicht und leitete ohne Wissen der
Richterinnen ein Ermittlungsverfahren gegen die Frau ein. Das Vorgehen habe sie
"verwundert", so die Richterin.
Nach dem Urteil liegen sich Kamiar M. und seine Familie im Gerichtsflur in den
Armen. "Ich habe immer an die Gerechtigkeit geglaubt. Ich bin froh, dass
meine Unschuld nun offiziell ist", sagt er. Eine Woche hat der Staatsanwalt
nun Zeit, um gegen das Urteil anzugehen. Für eine Liebesnacht in den Knast - so
leichtfertig wird sich Kamiar M. wohl nicht mehr auf ein Abenteuer einlassen. Er
sagt: "Ich habe daraus gelernt."
Zitat aus der Mopo-HH vom 25.02.2006